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Ohne Baustellenhorror und günstig – die Techniken der grabenlosen Kanalsanierung

Ohne Baustellenhorror und günstig – die Techniken der grabenlosen Kanalsanierung


 

Die Kanalisation gehört zu den wichtigsten Infrastrukturen unserer Städte. Kanäle arbeiten unsichtbar unter Straßen, Plätzen und Gebäuden. Doch viele dieser Leitungen stammen aus Zeiten, in denen Beton und Stein noch als nahezu unverwüstlich galten. Nach Jahrzehnten im Untergrund zeigen sich nun die Folgen: Risse, undichte Verbindungen, Korrosion und altersbedingte Schäden. Doch Kanalsanierung heißt nicht immer aufgraben und reparieren. Dieser Beitrag stellt die wichtigsten Verfahren der grabenlosen Kanalsanierung vor ? Tiefbau ohne Bagger und mit KI-Unterstützung.

 

Rund 120.000 Kilometer müsssen saniert werden

 

Das öffentliche Abwasserkanalnetz in Deutschland umfasst rund 619.000 Kilometer. Laut Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V. (DWA) zählt das öffentliche Kanalnetz mit einem Wiederbeschaffungswert von rund einer Billion Euro zu den wertvollsten Infrastrukturen Deutschlands. Rund 20 Prozent der Kanalhaltungen weist laut DWA einen kurz- bis mittelfristigen Sanierungsbedarf auf. Überträgt man diese Größenordnung auf die heutige Netzlänge, entspricht dies mehr als 120.000 Kilometern. Allein in Bayern betrifft dies nach einer Untersuchung der TU München rund 18.000 Kilometer Kanalnetz.

BU erdverlegte Abwasserkanalisation in offener Bauweise bei Neuverlegung ohne Alternative

 

In den kommenden Jahren steht also die Sanierung von Tausenden Kilometern Kanalnetz an. Eine Herausforderung nicht nur für Planer und Netzbetreiber, sondern auch für Bürger und Verkehrsteilnehmer. Denn klassische Sanierungen in offener Bauweise bedeutet vor allem eines - lästige Baustellen mit tage- oder wochenlangem Aufgraben durch Bagger. Straßen werden gesperrt, Verkehr wird umgeleitet, Parkplätze verschwinden und der tägliche Weg zur Arbeit oder zum Einkauf wird zur Geduldsprobe. Diese gewaltige Aufgabe mit möglichst geringen Eingriffen in den Straßenraum und den Alltag der Bürger zu bewältigen ermöglicht die grabenlose Kanalsanierung.

Grabenloser Tiefbau vermeidet Baustellenstress

 

Nicht jede beschädigte Leitung muss zwangsläufig aufgegraben werden. Moderne grabenlose Sanierungsverfahren ermöglichen es, Kanäle unterirdisch zu reparieren oder sogar vollständig zu erneuern. Wo früher Bagger, offene Gräben und wochenlange Bauzeiten notwendig waren, reichen heute oft wenige Zugänge, um eine komplette Kanalstrecke wieder instand zu setzen.


 

Das spart nicht nur Nerven bei Anwohnern und Verkehrsteilnehmern, sondern kann auch erheblich Kosten reduzieren, Städte und Gemeinden geringer belasten. Die Zukunft der Kanalsanierung liegt deshalb vielfach dort, wo man sie nicht sieht: unter der Erde. Das haben Kommunalverwaltungen auch erkannt.

Bereits 75 Prozent der Kanalsanierung erfolgt grabenlos


 

Rund 75 Prozent der Sanierungsmaßnahmen an öffentlichen Abwasserkanälen werden in Deutschland inzwischen grabenlos durchgeführt. Der Rohrleitungssanierungsverband e. V. schlüsselt im Informationsblatt „Nachhaltigkeit in der Kanalsanierung“ 2024 die Branchenzahlen auf:

  • Rund 6.000 km öffentliche Abwasserleitungen werden in Deutschland jährlich saniert.

  • 50 % aller Sanierungsmaßnahmen sind punktuelle Reparaturen, überwiegend mit Roboter- und Reparaturverfahren.

  • 25 % entfallen auf grabenlose Renovierungsverfahren (Rohr-in-Rohr-Verfahren wie Schlauchlining, TIP, Close-Fit, Wickelrohr usw.).

  • Insgesamt werden damit 75 % aller Sanierungsmaßnahmen grabenlos durchgeführt.

Die restlichen 25 % entfallen auf Erneuerungen in offener Bauweise oder andere Verfahren. Unumgänglich ist das Aufgraben dann, wenn der Kanalquerschnitt (teilweise) eingebrochen ist, wenn starke Lage- oder Höhenabweichungen bzw. starke Richtungsänderungen oder komplizierte Geometrie vorliegen. Auch bei vielen oder komplizierten Hausanschlüssen kann ein grabenloses Lining nachteilig sein. Und falls der Kanal nicht nur saniert, sondern vergrößert, verlegt oder neu trassiert werden muss, hilft ein Lining nicht, dann wird neu gebaut. 

Grabenlose Verfahren und typische Einsatzbereiche


 

Die grabenlose Kanalsanierung umfasst eine Vielzahl spezialisierter Verfahren. Je nach Schadensbild werden sie in drei Kategorien eingeteilt - in Reparatur-, Renovierungs- oder Erneuerungsverfahren:

  1. Reparaturverfahren beseitigen nur einzelne, punktuelle Schäden

  2. Renovierungsverfahren stellen die Funktionsfähigkeit längerer Kanalabschnitte wieder her

  3. Erneuerungsverfahren ersetzen die vorhandene Leitungen durch eine neue Rohrleitung

Für jede dieser Kategorien hält der Kanalbau passende Lösungen bereit.


 

Die wichtigsten Verfahren der grabenlosen Kanalsanierung


 

1. Reparaturverfahren


Kurzliner-Verfahren. Lokale Sanierung einzelner Schadstellen wie Risse, undichte Muffen oder punktuelle Beschädigungen. Hier wird nur ein kurzes Kanalstück nach erfolgter Kamerainspektion saniert. Kurzliner sind quasi die „Pflaster“ der Kanalsanierung. Sie reparieren einzelne Schadstellen durch eine eine Art Hülse.

 

Sie besteht aus Glasfaser- oder Filzträger, getränkt mit einem Reaktionsharz. Die Hülse wird um einen (Transport-) Packer gelegt. Der Packer fährt im Kanal zur Schadstelle und wird mit Druckluft aufgeblasen. Dadurch presst er den Kurzliner an die Kanalwand. Der Packer bleibt unter Druck, bis das Harz ausgehärtet ist. Dann wird die Luft abgelassen und der Packer entfernt. Kurzlinerreparaturen zählen zu den häufigsten Sanierungsmaßnahmen mit Linertehnik. (Foto: Nordrohr.de)

Robotergestützte Sanierungsverfahren. Das Roboterfahrzeug ist dabei in erster Linie Arbeitsgerät und Positioniersystem.


 

An den Roboter können verschiedene Module bzw. Werkzeuge adaptiert werden:

  • Fräswerkzeug um Hindernisse zu entfernen

  • Injektionssystem um Risse und Fugen abzudichten

  • Fräser/Schleifkopf zur Vorbereitung von Oberflächen

  • Beschichtungssystem zum Auftragen von Schutzschichten

  • Greifer um Fremdkörper zu entfernen

Damit übernehmen Kanalroboter mit adaptierten Werkzeugen nahezu alle Fräsarbeiten, Anschlusssanierungen, auch Abdichtungen und weitere punktuelle Reparaturmaßnahmen. Robotergestützte Arbeiten zählen zu den am häufigsten genutzten Sanierungsmaßnhmen. Es ist das Mittel der Wahl bei punktuellen Reparaturen (siehe oben).

Dabei überzeugen Vielfalt der Lösungen wie ihre Präzision. Ein Beispiel wären undichte Rohrverbindungen zwischen Hauptkanal und Hausanschlüssen. Hier kommt ein Schalungssystem zum Einsatz, das auch geometrrisch komplexe Ortsverhältnisse so perfekt bewältigt, als hätte ein Mensch die Abdichtungsmasse manuell verspachtelt. Das Bildbeispiel zeigt das Ergebnis mit dem Schalungssystem SM 150 der Firma Pipetronics.
 

2. Renovierungsverfahren

 

Inliner-Verfahren oder Schlauchlining. Ein harzgetränkter weicher Schlauch wird zusammengefaltet in den Altkanal eingebracht, mit Druckluft aufgeblasen und an die Kanalwand gepresst. Dort härtet er unter Hitzeeinwirkung von Dampf oder Warmwasser aus. Der neue Rohrkörper wird also erst im Kanal erzeugt.


 

Geeignet sind Inliner-Verfahren für längere Kanalabschnitte mit Rissen, Undichtigkeiten oder Korrosionsschäden. Vorteil des Verfahrens: Der flexible Schlauch kann sich vergleichsweise gut an leichte Richtungsänderungen und geometrische Besonderheiten anpassen. Allerdings ist der Prozess vor Ort komplex. Das Harz muss richtig dosiert sein. Bei Warmwasser- oder Dampfaushärtung muss der Liner eine bestimmte Temperatur erreichen und diese ausreichend lange halten.

Alternativ gibt es noch die UV-Aushärtung, meist bei GFK-Linern (aus Glasfasergewebe). Hier muss die eingebrachte Lichtenergie stimmen. Unvollständige Aushärtung könnte die mechanischen Eigenschaften beeinträchtigen. Vorteil: Das Harz reagiert erst mit UV-Licht und muss nicht gekühlt angeliefert werden, wie bei warm härtenden Harzen.

Interessanterweise können Schlauchliner so ausgelegt werden, dass sie auch statisch selbsttragend sind. Das bedeutet: Der Liner kann die maßgebenden äußeren Lasten auch dann aufnehmen, wenn das Altrohr keine tragende Funktion mehr übernimmt. Das kann eine größere Linerdicke erforderlich machen und damit einen relevanten Querschnittsverlust verursachen.

Problem Querschnittsreduzierung
 

Die Liner haben typischerweise eine Stärke von 5 bis 30 Millimeter. Welche Stärke in Frage kommt hängt von mehrern Faktoren ab. Die Dicke des Liners reduziert den Durchflussquerschnitt. Das macht mehr aus als man intuitiv vermuten würde. Bei einem 10 mm-Liner reduziert sich die Fläche eines DN 300 Rohres (ca. 30 cm Durchmesser) bereits um ca. 25 Prozent. Die hydraulische Leistungsgrenze ist aber nochmals geringer, das wären dann nach Formelberechnung bereits eine Kapazitätsminderung um 29 Prozent. Bei kleinen Rohrdurchmessern wirkt sich das stärker aus als bei großen. Liegt der Kanal bereits nahe seiner Kapazitätsgrenze kommen Inliner nicht mehr in Frage. Vor allem im Hinblick auf künftige Starkregenereignisse. Da sollten Reservekapazitäten eingeplant werden. Alternativ empfehlen sich das Close-Fit-Verfahren mit dünnerer Rohrtärke oder gleich Berstlining. Siehe die nächsten Absätze.

Close-Fit-Lining (eng anliegendes Rohrlining) und Compact Pipe sind Varianten des Schlauchlining. Saniert wird jedoch mit biegsamen Rohren statt Schläuchen. Beim Compact-Pipe-Verfahren wird ein werksseitig vorgefertigtes PE-Rohr mit definierten und somit passenden Eigenschaften zunächst C-förmig gefaltet, dadurch im Durchmesser reduziert und in den bestehenden Kanal eingezogen. Anschließend wird es wieder auf seinen ursprünglichen Durchmesser mit Hilfe von Dampf aufgeweitet und legt sich eng an die Innenwand des Altrohres. Der Dampfdruck drückt die gefalteten Rohrflanken nach außen.

Der vorhandene Kanal bleibt als Trasse bestehen und erhält durch das eingezogene Rohr eine neue Innenrohrleitung. Typischer Einsatz: längere Strecken, insbesondere bei Schäden wie Rissen, Undichtigkeiten oder Korrosion, wenn der Altkanal noch ausreichend zugänglich ist. Ein Vorteil gegenüber Inliner-Verfahren ist das werksseitig gefertigte PE-Rohr, das jeweils angepasste Materialeigenschaften besitzt und eine hohe mechanische Belastbarkeit bietet. Oftmals genügt dann ein vergleichsweise dünne Wandstärke mit geringerer Querschnittsreduktion. Der gesamte Prozess vor Ort fällt einfacher aus. Das Einharzen und Aushärten entfällt. Eingeschränkt wird Close-Fit durch stärkere Bögen und komplizierte Geometrien, da weniger flexibel als ein Inliner.

Rohrlining bzw. Tight-in-Pipe (TIP). Diese Variante ähnelt dem Close-Fit-Verfahren. Auch hier wird kein Schlauch benutzt, sondern vorgefertigte Rohrabschnitte, die einzeln in den Altkanal eingebracht und miteinander verbunden werden. Allerdings sind die Rohre nicht faltbar, wie bei Close-Fit, sondern sie werden im ausgehärteten, fertigen Zustand angeliefert. Das erfordert meist mehr Platz auf der Baustelle und einen größer dimensionierten Schachtzugang. Ist dieser zu klein, müsste er vergößert werden, sodaß evtl. doch kurzzeitig Bagger eingesetzt werden müssen. Bei typischerweise 1 Meter langen Rohren ist das aber eher selten der Fall.
Verbunden werden die vorgefertigte Rohrsegmente beim TIP-Verfahren mithilfe eines hydraulischen Rohrvorschubs.
Die dichte Verbindung zwischenden Rohren stellen Muffen her. Dabei wird das Spitzende des zweiten Rohres in den elastomeren Dichtring des ersten Rohres gedrückt. Genügend Schubkraft entsteht, weil das erste Rohr durch ein Widerlager gestützt wird. Das Verfahren eignet sich insbesondere für lange Sanierungsstrecken und größere Rohrdurchmesser. Bei TIP können dickwandige, sehr robuste, belastbare Rohrsegmente eingesetzt werden. Insbesondere bei leicht bechädigten und (durch Fahrbahndruck) deformierten Rohren spielt Tight-in-Pipe seine Vorteile aus. Denn das Verfahren weist noch eine andere Besonderheit auf. Vor dem ersten Rohrsegment kann ein konischer geformter Kalibrierkopf durch das Altrohr gezogen bzw. vorgeschoben werden. Es ist eine Art Aufweithülse.

BU: Ausgleichen von Deformationen mit Hilfe eines Kalibrierkopfes/vorgeschalteter Kalibirierkopf setzt Verformungen und Versätze zurück und stellt den kreisrunden Rohrzustand wieder her.

Dieser Aufweitkopf ist an der Zug-/Vorschubeinrichtung befestigt. Durch seine Geometrie übt er radiale Kräfte auf deformierte Rohrbereiche aus und Verformungen wieder zurücksetzen. Konkret kann diese Aufweithülse:

  • Ovalisierungen zurückdrücken

  • lokale Verformungen ausgleichen

  • kleinere Versätze an Rohrverbindungen überwinden

  • den vorhandenen Querschnitt für das neue Rohr auf das erforderliche Maß kalibrieren

Unmittelbar hinter dem Kalibrierkopf folgt das neue (erste) Rohr. Das Altrohr bleibt erhalten. Der Einfluss auf die direkte Umgebung des Rohr ist nur sehr gering. Das heißt, Tight-in-Pipe arbeitet vergleichsweise umgebungsschonend. Anders als beim Berstlinig, siehe unten.

Beschichtungsverfahren (Coating). Ist im Vergleich zu Inliner, Close-Fit oder Kurzliner ein deutlich „leichteres“ Sanierungsverfahren: Man bringt eine relativ dünne Schutzschicht auf die bestehende Rohrinnenwand auf, anstatt ein neues Rohr einzubauen. Voraussetzung ist, dass das Altrohr grundsätzlich noch intakt und tragfähig ist, aber die Innenoberfläche geschützt oder abgedichtet werden soll.

Coating ist nicht auf punktuelle Reparaturen beschränkt. Beschichtungen können über die gesamte Länge einer Kanalhaltung aufgebracht werden. Das Verfahren eignet sich insbesondere für noch tragfähige Rohre, deren Innenoberfläche großflächig gegen Korrosion oder chemischen Angriff geschützt oder deren Dichtheit verbessert werden soll.

Die Beschichtung hält nur dann dauerhaft, wenn der Untergrund sauber und ausreichend tragfähig ist. Der typische Ablauf ist: Hochdruckspülung, Entfernung von Ablagerungen und bei Bedarf Fräsen. Coating kommt beispielsweise zum Einsatz, wenn Beton- und Stahlbetonkanäle können durch aggressive Abwässer bzw. biogene Schwefelsäurekorrosion angegriffen werden. Eine geeignete Beschichtung kann die Betonoberfläche gegenüber dem Angriff schützen.

Das Anbringen des Coatings erledigen Roboter und spezielle Sprüheinrichtungen. Beim Schleuder- oder Rotationsverfahren wird eine rotierende Schleuderscheibe oder ein Schleuderkopf wird durch den Kanal bewegt. Das flüssige Beschichtungsmaterial wird durch die Rotation nach außen geschleudert und verteilt sich gleichmäßig an der Rohrwand. Handspritzverfahren, bei denen die Arbeiter mit einer Airless- oder 2K-Spritzanlage die Beschichtung direkt aufbringen, sind ebenfalls möglich.

3. Erneuerungsverfahren

 

Berstverfahren, Berstlining, auch Pipe Bursting genannt, gehören ebenfalls zu den grabenlosen Erneuerungsverfahren und sind dabei die brachialste Variante. Das Berstlining ist keine Renovierung wie Inliner oder Coating, sondern eine grabenlose Erneuerung: Das alte Rohr wird zerstört und gleichzeitig durch ein neues Rohr ersetzt. Den Zerstörungsjob übernimmt ein sogenannter Berstkopf. Er zerquetscht die vorhandene Rohrleitung mittels hydraulischer Zugkraft im Altrohr und verdrängt die Bruchstücke in das umgebende Erdreich. Gleichzeitig wird ein neues Rohr in die bestehende Trasse eingezogen.

Berstverfahren kommen zum Einsatz, wenn der vorhandene Kanal stark beschädigt, statisch nicht mehr ausreichend oder hydraulisch zu klein dimensioniert ist. Es handelt sich also um eine echte Kanalerneuerung ohne aufzugraben.
Ssolche Erneuerungsverfahren finden aber deutlich seltener Anwendung als Renovierungsverfahren, da die Altkanäle zumindest statisch meist noch in Ordnung sind.

Wesentlicher Vorteil des Bertlinings ist also, dass bei Nutzung vorhandener Trassen gleichzeitig größere Rohrdurchmesser eingebaut werden können. Besonders interessant ist die Vergrößerung im Hinblick auf zunehmende Starkregenereignisse. Dadurch könnte Berstlining an Bedeutung gewinnen. Ob Berstlining geeignet ist, hängt allerdings wesentlich von Bodenverhältnissen, Überdeckung und der Lage benachbarter (Gas-)Leitungen und Bauwerke ab.
Nicht eingesetzt wird das Verfahren bei ungünstigen Bodenverhältnissen, einer hohen Dichte kreuzender Leitungen, die durch die Altrohrverdrängung Schaden nehmen könnten, oder wenn die erforderlichen Start- und Zielgruben nicht realisierbar sind. Auch sensible Bereiche mit gefährdeten Nachbarbauwerken können Einschränkungen darstellen.

Kanalinspektion zur Auswahl des geeigneten Verfahrens

 

 

Die Entscheidung für ein Sanierungsverfahren erfolgt immer auf Grundlage einer detaillierten Zustandsbewertung, in der Regel durch Kanalinspektion mit Kameratechnik. Nach einer Reinigung wird die betreffende Kanalhaltung mit einer fahrbaren Kamera untersucht und die Innenwand auf Risse, Brüche, Verformungen, Korrosion, undichte Rohrverbindungen, Wurzeleinwuchs und Ablagerungen kontrolliert. Moderne Kamerasysteme ermöglichen hochauflösende Videoaufnahmen, Vermessungen und teilweise 3D-Erfassungen. Die festgestellten Schäden werden nach einem standardisierten Kodiersystem dokumentiert. Auf dieser Grundlage und unter Einbeziehung der statischen und hydraulischen Anforderungen wird anschließend entschieden, ob eine punktuelle Reparatur, ein Lining, Coating, TIP, Berstlining oder gegebenenfalls eine offene Erneuerung sinnvoll ist. Doch eine TV-Inspektion ist in erster Linie eine optische Untersuchung. Sie zeigt sehr gut, was an der Innenwand sichtbar ist, liefert aber nicht automatisch alle Informationen über die Tragfähigkeit des Rohr-Boden-Systems. Entscheidend sind nicht nur die sichtbaren Schadstellen, sondern das gesamte Zusammenspiel aus Rohrzustand, Statik, Hydraulik, Zugänglichkeit und langfristiger Nutzungsanforderung. Bei schwierigen Fällen können deshalb weitere Untersuchungen erforderlich werden, etwa Dichtheitsprüfungen, Vermessungen oder statische/hydraulische Berechnungen.

KI-basierte Kanalzustandserfassung


Solche Kamerainspektionen und -auswertungen sind für die Facharbeiter ermüdend monotone und wiederkehrende Prozesse, die Zeit und Ressourcen binden. Mittlerweile bieten KI-basierte Kanalzustandserfassungen Lösungen an, um den Kanalinspektionsprozess effizienter, entlastender und objektiver zu gestalten. Beispielsweise könnte ein KI-System nicht nur feststellen: "Riss vorhanden", sondern detailiert: "starker Längsriss + 8 % Ovalisierung + verschobene Muffe + Grundwassereintritt". Der große Vorteil der KI: Sie kann mehrere Schadensmerkmale gleichzeitig erkennen und miteinander verknüpfen.

Eine interessante Software stammt beispielsweise von WinCare. Die WinCare-KI kann auch bereits bestehende Inspektionsvideos (nachträglich) auswerten. Je besser die Videos sind (hochauflösend, scharf, gleichmäßig ausgeleuchtet) um so zuverlässiger die KI-Ergebnisse. Vorteil: man braucht keine neue Hardware. WinCan schreibt: „Laden Sie einfach Ihre Rohrinspektionsvideos hoch – WinCan KI übernimmt die Kodierung.“

Ähnliches gilt für Pallon Technology. Hier schickt man die Bild- oder Videodaten an Pallon und die Software analysiert den Kanalzustand. Das Ergebnis erhält man nach wenigen Tagen. Eine weitere Pallon Software verwandelt Haltungszustandsdaten in ein vollständiges, prüffähiges Sanierungskonzept - vom Befund zur Massnahme sozusagen. Eine sehr avancierte Technolgie. Pallon ist ein eigeständiges Schweizer Unternehmen mit Sitz in Zürich.

Die Kanalinspektion selber übernehmen kleine Robotorfahrzeuge mit montierten Kamerasystem samt Beleuchtung. Die damit erstellten Videos sind bei modernen Systemen sehr hochauflösend bis hin zu ultrahochauflösenden 4K Panoramaaufnahmen. Zum Beispiel beim System Panoramo 4K von Ibak. Es zeichnet eine komplette Innenansicht des gesamten Kanals in einem Durchgang auf. Das ist für die spätere KI-Auswertung besonders interessant. Führende Mitbewerber sind daneben Rausch International und Ipek. Auch diese beiden bieten professionelle Kanalinspektionstechnik an - Kamerasysteme mit motorisierten Fahrwagen, Schwenk-/Zoomkameras und hochauflösender Bildtechnik für die Zustandserfassung von Abwasserleitungen.

Spezialfall Schachtinspektion

 

Nicht nur Kanäle müssen inspiziert werden, auch die Schachtzugänge. Der Schacht ist ein eigenständiges Bauwerk und kann Schäden aufweisen, die bei der Kamerafahrt durch den Kanal gar nicht oder nur unvollständig erfasst werden. Für Schächte gibt es eigene Inspektionssysteme. Eines der modernsten mit KI-Integration stellte die Firma Rausch auf der Münchner IFAT 2026 vor. Das kompakte Gerät wird von oben in den Schacht abgesenkt und nach der automatisierten 360-Grad-Erfassung wieder herausgezogen. Während der vertikalen Bewegung erfassen zwei 4K-Kameras die Schachtwand; aus den Aufnahmen wird mit KI-Hilfe ein dreidimensionales Modell erzeugt, das anschließend ebenfalls KI-gestützt auf Schäden ausgewertet werden kann. Die KI stammt übrigens von Pallon. Für diese Schachtinspektion sind keine Fachkenntnise nötig, der Mitarbeiter muss nur den Wagen bis zum Schacht fahren und den Schachtdeckel öffnen. Der Rest erfolgt auf Knopfdruck. Eine Besonderheit des Rausch/Pallon-Systems ist die spezielle 3D-Erfassung: Die Punktwolke wird nicht wie bei klassischen 3D-Scannern durch Lasermessungen erzeugt, sondern aus den von Kameras aufgenommenen Bilddaten rekonstruiert. Die Software bestimmt aus den zahlreichen, sich überlappenden Aufnahmen die räumliche Geometrie des Schachts. Der elegante Vorteil liegt vor allem darin, dass aus den Kamerabildern gleichzeitig Geometrie und visuelle Schadensinformationen gewonnen werden können.

Wie umweltfreundlich ist die grabenlose Kanalsanierung?

 

Aufgrund des Klimawandwandels sollte bei allen Baumaßnahmen die Auswirkungen auf die Umwelt beachtet werden. Zu fragen wäre folglich: Wie umweltfreundlich ist die grabenlose Kanalsanierung im Vergleich zur offenen Bauweise mit Aufbaggern der Trasse. Genau dazu hat das Forschungsinstitut Fraunhofer UMSICHT einen interessanten Ökovergleich durchgeführt. Verglichen wurden:

  • Neubau/Austausch mit Betonrohren bzw. Stahlbetonrohren in offener Bauweise

gegen

  • grabenlose Sanierung mit GFK-Schlauchlinern (CIPP)

Die Untersuchung ist als Cradle-to-Grave-Lebenszyklusanalyse (LCA) angelegt. Betrachtet wurden also nicht nur Herstellung und Einbau, sondern der Lebenszyklus von den Rohstoffen bis zur Entsorgung. Einzusehen ist die komplette Studie hier (in englischer Sprache).

Das Ergebnis ist tatsächlich bemerkenswert: Der GFK-Liner schnitt in der Gesamtbetrachtung deutlich besser ab als das Aufgraben und die offene Erneuerung mit Beton bzw. Stahlbeton. Fraunhofer fasst das Ergebnis so zusammen:

Die Umweltwirkungen der Liner-Variante können gegenüber dem Austausch der Betonrohre etwa halbiert werden. Bei den Treibhausgasemissionen lag die Reduktion – abhängig von Rohrdurchmesser und Einbausituation – bei 54 bis 77 Prozent.


Fraunhofer-Forscher Jan Blömer erklärt, dass der große Vorteil vor allem beim Einbau entsteht: Bei der grabenlosen Variante entfallen weitgehend Erdarbeiten sowie die Wiederherstellung von Straßen, Grünflächen usw.

Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass weitere grabenlose Sanierungsverfahren nicht Bestandteil der Studie waren. Man kann also nicht direkt verallgemeinern, dass jede grabenlose Kanalsanierung umweltfreundlicher ist. Es scheint aber nahe zu liegen.
Der Vollständigkeit halber, sei darauf hingewiesen, dass die Untersuchung finanziell von IMPREG GmbH und RelineEurope GmbH unterstützt wurde – also von zwei Herstellern von GFK-Schlauchlinern. Das wird in der Publikation ber ausdrücklich angegeben.

hier Text: elsevier: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921344925006251

Fazit:

Grabenlose Sanierung ist nicht automatisch die beste Lösung. In vielen Fällen aber schon. Offenbar sind grabenlose Sanierungsverfahren meist mit geringeren Umweltbelastungen verbunden als eine offene Erneuerung. Die gesamte grabenlose Kanalsanierungsbranche ist deutlich mehr als ein Spezialsegment des Tiefbaus. Mit ihren zahlreichen Verfahren ist die Branche technologisch erstaunlich breit aufgestellt. Und sie hat Zukunft. Nach einer älteren DWA-Umfrage von 2018 ergab sich, dass rund 18 % der Kanalisation kurz- bis mittelfristig sanierungsbedürftig waren. Jährlich wurden damals nur etwa 1 % des Netzes saniert. Das zeigt, der Sanierungsbedarf ist über Jahrzehnte ein riesiger Infrastrukturmarkt. Interessant ist auch die Kostenrelation aus der DWA-Erhebung: 2018 lagen die durchschnittlichen Kosten pro Meter bei etwa

  • Reparatur: 82 €/m

  • Renovierung: 438 €/m

  • Erneuerung: 1.600 €/m

Diese Werte sind zwar keine heutigen Marktpreise. Dennoch erklärt der enorme Preisunterschied zur Erneuerung einen Teil der Attraktivität grabenloser Verfahren.

Unbestritten haben die Daseinsvorsorge durch Wasserversorgung und Abwasserentsorgung sowie die dafür benötigte Infrastruktur eine hohe gesellschaftliche Priorität. Wie wichtig sie ist, merkt man, wenn sie mal ausfällt. Doch die Rohrleitungsinfrastruktur unter der Erde scheint noch nicht ausreichend im Fokus im Vergleich zu oberirdischen Bahnausbau, Brücken- und Autobahnsanierung. Fest steht, dass der nachhaltige Erhalt dieser kritischen Infrastruktur für uns und nachfolgende Generationen essenziell ist. Heinz-Jürgen Kruppa

 

 

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Aktuelle Branchentreffen


 

08.09.2026

Deutscher Schlauchlinertag 2026

https://grabenlos.de/event/deutscher-schlauchlinertag-2026

09.09.2026
Deutscher Reparaturtag 2026

https://grabenlos.de/event/deutscher-reparaturvag-2026


27.08.2026 10:00Uhr

BGT-FachTalk „Hochdruckspülung renovierter Abwasserkanäle – Anwendung des RSV-Merkblatts 12.1 in der Praxis“


 

30. 09.2026
Philharmonie Essen

BGT Kanalgipfel

Branchentreffen für alle, die die Zukunft der Kanalsanierung und Abwassertechnik aktiv gestalten.

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12.08.2026
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