Elbtower: Prestige trifft Pleite
Hamburg wollte hoch hinaus. Sehr hoch. 245 Meter Selbstbewusstsein aus Glas und Beton, entworfen von David Chipperfield, finanziert von einem Investor, der einst versprach, alles im Griff zu haben – bis die Handwerker plötzlich ohne Geld und mit offenen Rechnungen dastanden. Seitdem steht der Elbtower da wie ein eingefrorener Gedanke: ambitioniert, halbfertig, leicht beleidigt.
Chipperfield ist dabei nicht irgendwer. Der britische Architekt, 2023 mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet – dem Nobelpreis der Architektur –, steht für präzise, zurückhaltende Architektur mit Anspruch auf Dauer. Neues Museum und James-Simon-Galerie in Berlin, Museen in Marbach, London und St. Louis: Seine Gebäude sind eher Langstreckenläufer als Effekthascherei. Dass eines seiner ambitioniertesten Hochhausprojekte in Deutschland im Rohbau steckenbleibt, ist kein architektonisches Versagen, sondern ein finanzielles.
Der Grund für den Stillstand ist bekannt. René Benko zahlte nicht mehr, das Bauunternehmen zog die Reißleine, und Hamburg bekam ein neues Wahrzeichen – allerdings eines der unfreiwilligen Art. Beton statt Vision, Rohbau statt Rendite.
Benko, 1977 in Innsbruck geboren, hatte mit der Signa-Gruppe eines der größten privaten Immobilien- und Handelsimperien Europas aufgebaut. Karstadt, Kaufhof, KaDeWe, Luxusimmobilien in Bestlagen – lange galt er als Wunderkind der Branche. Ende 2023 folgte der Absturz: Insolvenz der Signa-Holding, Milliardenloch, zahlreiche Baustellen im Stillstand. Inzwischen ist Benko in mehreren Verfahren verurteilt worden, die Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Der Elbtower wurde zum sichtbarsten Symbol eines Geschäftsmodells, das schneller wuchs als seine Substanz.
Hoffnungsträger Drogeriemarkt
Nun also der nächste Akt im Elbtower-Drama: Dirk Roßmann, Gründer der Drogeriekette Rossmann, steigt ein. Gemeinsam mit Hamburger Investoren wie Klaus-Michael Kühne, dem Immobilienentwickler Dieter Becken, der Signal Iduna Versicherung und dem Bauunternehmen Adolf Lupp soll das Projekt wiederbelebt werden. Das Bundeskartellamt hat keine Einwände – zumindest wettbewerbsrechtlich.
Dass ausgerechnet ein Mann, der sein Vermögen mit Shampoo, Zahnpasta und Fußcreme gemacht hat, nun ein Hamburger Prestigeprojekt retten soll, hat eine gewisse Ironie. Vielleicht ist genau das die richtige Mischung: weniger Größenwahn, mehr Bodenhaftung. Oder zumindest mehr Liquidität.
Schrumpfen als Zukunftsmodell
Der Elbtower wird kleiner. Statt 245 Metern sollen es künftig nur noch 199 sein. Zwölf Etagen fallen weg – ein architektonisches Eingeständnis, dass selbst große Ideen manchmal Diät halten müssen. Aktuell ragt der Rohbau rund 100 Meter in die Höhe und erinnert daran, dass Hochmut nicht selten vor dem Baustopp kommt.
Die Stadt Hamburg plant nun, fast die Hälfte des Gebäudes zu übernehmen und dort ein Naturkundemuseum unterzubringen. Kostenpunkt: 595 Millionen Euro, Festpreis. Das Museum soll an die Tradition des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Naturhistorischen Museums anknüpfen und Teil des Leibniz-Instituts für Biodiversitätsforschung werden. Wissenschaft statt Wolkenkratzerromantik – ein bemerkenswerter Kurswechsel.
Ein Turm mit Bildungsauftrag
Bürgermeister Peter Tschentscher gibt sich optimistisch. Fertigstellung bis 2029, Baugenehmigungen seien ja „im Prinzip schon da“. Ein Satz, der bei Großprojekten traditionell als Einladung zu Ironie verstanden wird. Denn „im Prinzip“ ist in Deutschland bekanntlich ein dehnbarer Begriff – besonders zwischen Bauzaun und Haushaltsausschuss.
Immerhin: Der Elbtower hätte dann eine Aufgabe. Wissen vermitteln, forschen, ausstellen. Ein Turm, der erklärt, wie fragil Ökosysteme sind – errichtet auf einem Baugrund, der selbst als sensibel gilt. Symbolik kann man sich manchmal nicht ausdenken.
Deutschland, das Land der langen Bauzeiten
Der Elbtower steht damit in bester Gesellschaft. Der Flughafen Berlin Brandenburg lehrte das Land Geduld und Brandschutz. Stuttgart 21 lehrt bis heute, dass „unterirdisch“ nicht nur eine Bauweise ist. Und die Elbphilharmonie zeigte eindrucksvoll, dass sich jahrelanges Chaos am Ende doch noch in ein Publikumsliebling verwandeln kann – wenn man lange genug durchhält und ausreichend Milliarden mitbringt.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Großprojekte in Deutschland brauchen keine Termine, sie brauchen Lebensläufe.
Am Ende wird der Elbtower vermutlich fertig. Irgendwann. Nicht so hoch wie geplant, nicht so glamourös wie gedacht, aber mit einem Bildungsauftrag und einer ordentlichen Portion Demut. Er wird kein Symbol des Aufbruchs mehr sein, sondern eines der Korrektur.
Und vielleicht ist genau das seine größte Leistung: Er zeigt, dass selbst Beton lernen kann – wenn auch langsam.
Bild: ©Von Foto: NordNordWest, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de, CC BY-SA 3.0 de,
Redaktion
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