Länger arbeiten? Auf dem Bau hat die Rentendebatte einen Haken
Die Rentenkommission der Bundesregierung schlägt vor, das gesetzliche Renteneintrittsalter nach 2031 schrittweise an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Die IG BAU läuft dagegen Sturm. Ihr Argument: Wer jahrzehntelang körperlich schwer arbeitet, kann nicht einfach nach statistischer Lebenserwartung länger im Beruf gehalten werden. Gerade im Baugewerbe zeigt sich, wie schwierig eine einheitliche Altersgrenze ist.
Die Debatte um ein höheres Renteneintrittsalter bekommt auf einer Baustelle schnell eine sehr konkrete Dimension. Denn während sich ein paar zusätzliche Monate Erwerbsleben am Schreibtisch möglicherweise organisieren lassen, sieht die Sache bei einem Dachdecker, Maurer, Straßenbauer oder Fliesenleger anders aus.
Wer jahrzehntelang Gerüste besteigt, schwere Baustoffe bewegt, kniend arbeitet oder bei Hitze, Kälte und Regen draußen steht, hat andere körperliche Voraussetzungen als jemand, dessen Berufsalltag hauptsächlich am Schreibtisch stattfindet.
Genau an diesem Punkt setzt die Kritik der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, kurz IG BAU, an.
Was die Rentenkommission tatsächlich vorschlägt
Von einer unmittelbar bevorstehenden „Rente mit 70“ kann derzeit keine Rede sein. Die Alterssicherungskommission der Bundesregierung empfiehlt allerdings, die Regelaltersgrenze nach 2031 an die weitere Entwicklung der Lebenserwartung zu koppeln. Nach den derzeitigen mittleren Annahmen des Statistischen Bundesamtes würde das bedeuten, dass die Altersgrenze zwischen 2031 und 2041 schrittweise von 67 auf etwa 67,5 Jahre steigt. Danach wären weitere Anpassungen möglich. Die Kommission schlägt vor, Veränderungen der Lebenserwartung im Verhältnis zwei zu eins auf Erwerbsphase und Ruhestand zu verteilen.
Die Bundesregierung hat angekündigt, die insgesamt 33 Empfehlungen der Kommission zügig umzusetzen. Das Gesetzgebungsverfahren soll nach aktuellem Stand noch bis Ende 2026 abgeschlossen werden.
IG BAU: Belastung statt Statistik betrachten
Die IG BAU lehnt eine weitere Anhebung des Rentenalters ab. Bundesvorsitzender Robert Feiger verwies bereits im Mai auf typische Berufe seiner Gewerkschaft: Ein Dachdecker könne mit 70 kaum noch Dachpfannen verlegen, eine Fensterreinigerin keine gefährlichen Arbeiten in großer Höhe ausführen und ein Forstarbeiter keine Bäume fällen. Für die Gewerkschaft ist das deshalb nicht nur eine Frage von Demografie und Rentenfinanzierung, sondern ausdrücklich von Arbeits- und Gesundheitsschutz.
Auch bei aktuellen Protestaktionen argumentiert die IG BAU mit den besonderen körperlichen Belastungen ihrer Branchen. Beschäftigte auf Baustellen leisteten täglich schwere Arbeit und seien dabei Hitze, Kälte und schlechtem Wetter ausgesetzt. Eine weitere Verlängerung des Erwerbslebens treffe solche Arbeitnehmer anders als Beschäftigte in körperlich weniger belastenden Berufen.Das lässt sich kaum mit einem einzigen Rentenalter abbilden.
45 Versicherungsjahre sollen nicht mehr automatisch reichen
Zusätzlich schlägt die Rentenkommission vor, die bisherige abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte abzuschaffen. Derzeit können Beschäftigte nach 45 Versicherungsjahren unter bestimmten Voraussetzungen vor der regulären Altersgrenze ohne Abschläge in Rente gehen.
Gerade für Menschen, die früh ins Berufsleben eingestiegen sind, ist diese Regelung relevant. Die Kommission will sie durch eine neue Schutzrente für langjährige Beitragszahler ersetzen. Sie soll Menschen zugutekommen, die lange eingezahlt haben und kurz vor dem Rentenalter aus gesundheitlichen Gründen ihren bisherigen Beruf nicht mehr ausüben können. Sie sollen dann nicht zunächst auf andere Tätigkeiten verwiesen werden müssen.
Damit erkennt die Kommission selbst an, dass Erwerbsfähigkeit nicht allein vom Lebensalter abhängt. Wie großzügig die Voraussetzungen für diese Schutzrente am Ende ausgestaltet werden, dürfte deshalb gerade für Beschäftigte in körperlich belastenden Berufen entscheidend sein.
Die Rechnung der Rentenkommission
Hinter dem Vorschlag für ein höheres Rentenalter steckt ein reales Problem. Immer weniger Erwerbstätige finanzieren über ihre Beiträge eine wachsende Zahl von Rentnerinnen und Rentnern. Die Bundesregierung begründet den Reformbedarf deshalb vor allem mit dem demografischen Wandel und den damit steigenden Belastungen des Rentensystems.
Ein längeres Erwerbsleben kann diese Belastung rechnerisch reduzieren. Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob dieselbe Rechnung für alle Berufe gelten kann.
Ein 68-jähriger Beschäftigter auf einer Baustelle muss möglicherweise noch schwere Lasten tragen, Leitern und Gerüste benutzen oder über Stunden körperlich belastende Tätigkeiten ausführen. Die Statistik kennt solche Unterschiede nicht.
Nicht nur fragen, wie lange Menschen leben
Die Rentendebatte wird deshalb kaum allein mit einer höheren Altersgrenze zu lösen sein. Wenn Menschen künftig länger arbeiten sollen, muss stärker berücksichtigt werden, welche Arbeit sie jahrzehntelang geleistet haben und wie lange sie diese gesundheitlich überhaupt ausüben können.
Genau hier wird sich zeigen, ob die geplante Schutzrente tatsächlich einen Ausgleich schafft – oder ob körperlich schwer arbeitende Beschäftigte am Ende doch vor allem eine Wahl haben: länger durchhalten oder mit Abschlägen früher aufhören.
Für das Baugewerbe ist diese Frage alles andere als theoretisch. Auf dem Papier sind sechs zusätzliche Monate überschaubar.
Auf dem Gerüst jedoch könnten sie ziemlich lang werden.
Bild: KI-generiert
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