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Der Bauturbo

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Oder: Wie man mit Vollgas im Stillstand parkt


Deutschland hat jetzt einen Bauturbo. Das klingt nach Drehmoment, Staubwolke und Feierabendbier um 15 Uhr. In der Realität fühlt es sich eher an wie ein Mofa mit angezogener Handbremse, bergauf, im Gegenwind, mit Formular A38 im Rucksack. Denn während die Politik den Turbo zündet, gehen auf der Baustelle die Lichter aus. Immer mehr Bauunternehmen melden Insolvenz an. Ausgerechnet jetzt. Ausgerechnet im Turbo-Modus. Das ist ungefähr so, als würde man beim Formel-1-Rennen feststellen, dass der Motor fehlt – aber der Sponsor schon mal Sekt kaltgestellt hat.


Turbo, aber für wen?


Der Bauturbo soll schnelleres Planen, schnelleres Genehmigen, schnelleres Bauen bringen. Klingt gut. Dumm nur: Bauen wird nicht schneller, nur lauter. Ankündigungen überschlagen sich, Pressemitteilungen galoppieren, doch auf der Baustelle passiert – nichts. Oder zumindest nichts, was man als Turbo bezeichnen würde. Warum? Weil man Häuser nicht mit PowerPoint baut. Und auch keine Infrastruktur.


Wer daran zweifelt, möge einen Blick auf den Flughafen Berlin Brandenburg werfen. Ursprünglich geplant als Vorzeigeprojekt, eröffnet mit knapp zehn Jahren Verspätung, Kosten vervielfacht, Technik zwischenzeitlich museal. Turbo? Ja – allerdings im Aktenumlauf.


Oder Stuttgart 21: ein Projekt, das seit über einem Jahrzehnt beweist, dass man sehr lange sehr viel Geld sehr langsam verbauen kann, ohne dass am Ende jemand noch genau weiß, was ursprünglich geplant war. Wer hier noch von Beschleunigung spricht, meint vermutlich geologische Zeiträume.


Die Sache mit den Insolvenzen


Während also politisch beschleunigt wird, beschleunigt sich parallel die Zahl der Insolvenzen. Steigende Materialkosten, hohe Zinsen, explodierende Energiepreise, Fachkräftemangel, Nachträge, die niemand bezahlen will – und Auftraggeber, die sich wundern, warum ein Haus heute mehr kostet als vor fünf Jahren. Spoiler: Es liegt nicht an der Gier der Bauunternehmen.
Der Turbo wirkt hier eher wie ein Ventilator: Er wirbelt Luft auf, kühlt aber niemanden.


Warum Bauen ewig dauert


Bauen dauert lange, weil es so gedacht ist. Nicht, weil Bauleute langsam wären, sondern weil das System darauf ausgelegt ist, sich selbst zu beschäftigen.


Ein Bauantrag wandert heute durch so viele Stellen, dass er unterwegs vermutlich einen Burnout bekommt. Jede Behörde prüft, jede prüft anders, und am Ende stellt man fest, dass der Brandschutz zwar perfekt ist, aber niemand mehr da ist, der baut.
Großprojekte zeigen das im Zeitraffer: Planung wird permanent nachjustiert, Zuständigkeiten wechseln, Anforderungen wachsen, während der Bau bereits läuft. Änderungen im laufenden Betrieb sind teuer – und der Normalfall. Turbo ist hier kein Beschleuniger, sondern ein Verstärker für Chaos.


Warum es teuer ist – ganz ohne Turbo


Bauen ist teuer, weil alles teuer ist. Material, Energie, Personal, Finanzierung. Dazu kommen Anforderungen, die einzeln sinnvoll sein mögen, in Summe aber jedes Projekt aufblasen wie einen Airbag-Test.


Nachhaltig soll es sein, barrierefrei, energieeffizient, sozialverträglich, digital dokumentiert, klimaneutral, förderfähig und bitte bis gestern fertig. Und wenn das alles nicht klappt, wundert man sich, warum die Rechnung höher ist als geplant.
Der Bauturbo verspricht Tempo, liefert aber vor allem Erwartungsdruck. Und der ist kein Zahlungsmittel.


Turbo ist halt doch kein Werkzeug


Ein Turbo ersetzt keine funktionierenden Prozesse, keine ausfinanzierten Projekte und keine verlässlichen Rahmenbedingungen. Er ersetzt vor allem keine Menschen, die bauen können – und wollen.


Solange Genehmigungen dauern wie früher, Risiken bei den Unternehmen landen und Planungssicherheit ein Fremdwort bleibt, wird der Bauturbo vor allem eines tun: gut klingen. Der Berliner Flughafen und Stuttgart 21 stehen da wie zwei große, betonierte Erinnerungsstützen: Man kann Bauen politisch beschleunigen wollen – aber die Realität lässt sich nicht überholen.


Vielleicht wäre es an der Zeit, weniger Turbo zu rufen – und stattdessen endlich das Getriebe zu reparieren.

 

Bild: Adobe Firefly

 

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