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Zwischen Artenschutz und Großprojekt: Wenn Eidechsen den Bauablauf bestimmen

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Artenschutz hat in Deutschland Gewicht. Manchmal sogar so viel, dass er selbst milliardenschwere Infrastrukturprojekte ausbremst – oder zumindest neu taktet. Das zeigt aktuell erneut ein Bauvorhaben im Zollernalbkreis, bei dem streng geschützte Zauneidechsen umgesiedelt werden müssen, bevor überhaupt ein Bagger anrollen darf.


Dass solche Maßnahmen kein Einzelfall sind, zeigte bereits das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm. Dort ließ sich die Deutsche Bahn die Umsiedlung von Mauereidechsen einen kleineren zweistelligen Millionenbetrag kosten. Tausende Tiere wurden eingefangen und in neue Lebensräume verbracht – ein Aufwand, der den hohen Stellenwert des Artenschutzes unterstreicht, aber auch Fragen aufwirft.


Ein Krankenhaus, viele Eidechsen – und klare gesetzliche Vorgaben


Im Zollernalbkreis geht es nun um ein anderes Großprojekt: den Bau eines Zentralklinikums zwischen Balingen-Dürrwangen und Albstadt-Laufen. Rund 400 Millionen Euro sind dafür veranschlagt. Doch bevor die eigentlichen Bauarbeiten beginnen können, steht zunächst ein deutlich kleineres, aber nicht minder verbindliches Vorhaben an: die Umsiedlung einer bislang nicht exakt bezifferten Zahl von Zauneidechsen (Lacerta agilis).


Die Kosten dafür fallen im Vergleich zum Bahnprojekt moderat aus. Rund 15.000 Euro werden für Fang, Vergrämung, ökologische Begleitung und Dokumentation veranschlagt. Deutlich teurer ist die Schaffung neuer Lebensräume, die mit etwa 100.000 Euro zu Buche schlägt. Auf der Fläche sind bereits künstlich angelegte Sand-, Gesteins- und Gehölzinseln entstanden – Rückzugsorte, die den Tieren künftig als Habitat dienen sollen.
Ohne diese Maßnahmen gäbe es keine Baugenehmigung. Projektleiter Markus Riester machte das im Bauausschuss unmissverständlich klar: „Ohne diese vorweggenommene Ausgleichsmaßnahme würden wir die Genehmigung gar nicht erhalten.“ Landrat Günther-Martin Pauli ergänzte, dass Gerüchte über einen Baubeginn ohne Genehmigung unbegründet seien.


Zwischen Schutz und Verdrängung: Ein bekanntes Spannungsfeld


Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch nicht nur in den Kosten, sondern im Timing. Zauneidechsen sind schnell – und ihre Fortpflanzungszyklen setzen enge Grenzen. Werden Tiere zu spät gefangen, weil bereits Eier gelegt wurden, verzögert sich die Umsiedlung bis zum Schlupf der Jungtiere. Für ein Großprojekt mit ohnehin komplexem Zeitplan ist das ein Faktor, den man möglichst vermeiden will.


Dass solche Eingriffe notwendig sind, ist gesetzlich klar geregelt. Und doch bleibt ein leiser Widerspruch: Der Schutz einzelner Arten wird mit erheblichem Aufwand betrieben – während ihre ursprünglichen Lebensräume gleichzeitig großflächig verändert oder ganz aufgegeben werden.


Die Umsiedlung selbst ist dabei immer nur eine Zwischenlösung. Denn sie setzt voraus, dass Tiere ihre angestammten Lebensräume verlassen müssen, damit neue entstehen können – häufig in unmittelbarer Nähe, aber eben nicht mehr dort, wo sie ursprünglich waren.


Landrat Pauli formulierte im Ausschuss vorsichtig Zweifel an der Verhältnismäßigkeit solcher Maßnahmen. Er sprach davon, dass der Gesetzgeber aus seiner Sicht in manchen Fällen „übers Ziel hinausgeschossen“ sei. Eine Einschätzung, die in der Praxis immer wieder anklingt – nicht nur bei diesem Projekt.


Ökologischer Anspruch auch beim Bau selbst


Während der Artenschutz also den Start des Projekts bestimmt, spielt Nachhaltigkeit auch im weiteren Verlauf eine Rolle. Projektleiter Riester brachte den Einsatz von grünem Stahl und recyceltem Beton ins Gespräch, um die CO?-Bilanz des Klinikbaus zu verbessern.


Die Mehrkosten dafür bezifferte er auf 1,1 bis 1,5 Millionen Euro – gemessen an Gesamtbaukosten von rund 400 Millionen Euro ein überschaubarer Aufschlag. Im Bauausschuss stieß der Vorschlag auf grundsätzlich positive Resonanz, wenn auch noch ohne abschließende Entscheidung.


Dass dabei keine Abstriche bei der Sicherheit gemacht werden, stellte Bauunternehmer Ernst Berger klar. Sowohl grüner Stahl als auch recycelter Beton müssten die geltenden DIN-Normen erfüllen – und tun dies auch.


Wie es weitergeht


Der Zeitplan ist eng gesteckt. Bereits im April soll die Umsiedlung der Zauneidechsen beginnen. Sobald die Tiere in ihre neuen Lebensräume überführt wurden und die Baugenehmigung vorliegt, ist für das dritte Quartal die Einrichtung der Baustelle vorgesehen. Die Tiefbauarbeiten sollen im September starten, der Rohbau im März 2027.


Bis dahin bleibt das Projekt ein Beispiel für ein Spannungsfeld, das längst zum Alltag gehört: der Versuch, notwendige Infrastruktur zu schaffen – und gleichzeitig den Ansprüchen des Artenschutzes gerecht zu werden.


Oder, etwas nüchterner betrachtet: der Versuch, die Folgen menschlicher Eingriffe so gut wie möglich zu organisieren, während neue Eingriffe bereits geplant sind.

 

Bild: Adobe Firefly KI

 

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