Baugewerbe: Frühe Nachwuchsarbeit – wirksam oder gut gemeint?
Der Fachkräftemangel im Baugewerbe ist kein neues Phänomen – und er bleibt hartnäckig. Während Betriebe weiterhin händeringend Personal suchen, setzt die Branche zunehmend auf ungewöhnlich frühe Nachwuchsarbeit: im Kindergarten.
Ein Beispiel dafür ist die Initiative „Baumeister gesucht“ der bayerischen Bauwirtschaft. Seit rund 15 Jahren besuchen pädagogisch geschulte Fachkräfte unter den Pseudonymen Harry Hammer und Nicki Nagel Kindergärten, um Kinder spielerisch an handwerkliche Tätigkeiten heranzuführen. Ziel ist es, früh Interesse für Berufe im Bau- und Handwerksbereich zu wecken.
Erste Berührung mit dem Handwerk
Im Waldkindergarten „Waldmeister“ in Riemerling wird deutlich, wie dieses Konzept in der Praxis aussieht. Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren sägen, feilen und hämmern unter Anleitung kleine Holzobjekte. Dabei lernen sie grundlegende Werkzeuge kennen und entwickeln ein erstes Gefühl für Materialien und handwerkliche Abläufe.
Für die beteiligten Unternehmen ist das mehr als ein PR-Termin. Martin Behrendt, Projektleiter eines Bauunternehmens aus Ottobrunn und lokaler Projektpate, sieht darin einen langfristigen Ansatz: „Wir haben nach wie vor große Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden.“
Diese Einschätzung deckt sich mit aktuellen Zahlen. Laut einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer nennen rund 60 % der Bauunternehmen den Fachkräftemangel als Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung. Das Institut der Deutschen Wirtschaft bezifferte Ende 2025 die rechnerisch unbesetzbaren Stellen im Baugewerbe auf etwa 41.300. Besonders betroffen sind technische Gewerke wie Bauelektrik sowie Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik.
Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks geht von einem erheblichen Bedarf aus: bundesweit fehlen demnach rund 200.000 Fachkräfte im Handwerk.
Politische Ideen: Orientierung statt Frühprägung?
Parallel zu solchen Initiativen wird politisch über strukturelle Lösungen diskutiert. Die Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag schlagen etwa die Ausweitung eines „Freiwilligen Handwerksjahres“ vor. Das Konzept: junge Menschen sollen ein Jahr lang verschiedene Gewerke praktisch kennenlernen, um eine fundierte Berufswahl treffen zu können.
Die Idee orientiert sich an bestehenden Modellen, etwa Pilotprojekten von Handwerkskammern. Studien zeigen, dass praktische Erfahrungen tatsächlich eine zentrale Rolle spielen: Rund 70 % der Ausbildungsverhältnisse entstehen laut Handwerksorganisationen über Praktika.
Zwischen Spiel und Strategie
Die entscheidende Frage ist jedoch: Reicht es, Kinder im Vorschulalter an Hammer und Säge heranzuführen?
Die Antwort fällt differenziert aus.
Frühe Berührungspunkte mit handwerklichen Tätigkeiten können durchaus positive Effekte haben. Sie fördern motorische Fähigkeiten, Problemlösungskompetenz und ein grundlegendes Verständnis für praktische Arbeit. Zudem tragen sie dazu bei, Berührungsängste abzubauen – ein nicht zu unterschätzender Faktor in einer Gesellschaft, in der akademische Bildungswege oft als „Standard“ gelten. Was sie nicht leisten können: eine nachhaltige Berufsentscheidung vorbereiten.
Zwischen Kindergarten und Ausbildungsbeginn liegen zehn bis fünfzehn Jahre – eine Zeit, in der Interessen sich mehrfach komplett verschieben. Ohne Anschlussmaßnahmen verpufft der Effekt solcher Projekte weitgehend.
Wo es wirklich ansetzen müsste
Wenn man es ernst meint mit der Fachkräftesicherung, führt kein Weg an einem durchgängigen System vorbei:
• Grundschule: spielerisches, aber kontinuierliches Arbeiten mit Materialien und Werkzeugen
• Sekundarstufe: verpflichtende Praxisphasen und echte Einblicke in Betriebe
• Übergangsphase: strukturierte Programme wie das Freiwillige Handwerksjahr
Einzelaktionen im Kindergarten sind daher eher der Einstieg als die Lösung. Entscheidend ist die Anschlussfähigkeit.
Oder anders gesagt: Ein Kind, das mit fünf Jahren begeistert ein Vogelhäuschen baut, wird nicht automatisch Elektroniker – wenn es danach zehn Jahre lang ausschließlich Arbeitsblätter ausfüllt.
Daraus folgt: Initiativen wie „Baumeister gesucht“ sind sinnvoll – aber nur als Teil eines größeren Konzepts. Sie schaffen Aufmerksamkeit, vermitteln erste Erfahrungen und setzen ein Signal: Handwerk ist kein Notnagel, sondern eine anspruchsvolle Tätigkeit. Der Fachkräftemangel im Bau wird sich jedoch nicht im Sandkasten lösen. Dafür braucht es systematische Bildungsstrukturen, echte Praxisnähe – und die Bereitschaft, berufliche Bildung endlich gleichwertig neben akademische Wege zu stellen.
Bild: BBIV Schwaiger
Redaktion
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