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Ein Baudenkmal auf Wanderschaft – mit 432 Robotern

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Ein Jahrhundertbauwerk wandert – und zwar auf 432 Beinen. In Shanghai hat ein technisches Großexperiment Form angenommen, das gleichermaßen nach Science-Fiction und Denkmalpflege klingt: Der historische Huayanli-Komplex, ein Ensemble im Shikumen-Stil aus den 1920er- und 1930er-Jahren, wurde von einem Heer autonomer Laufroboter bewegt – langsam, präzise, auf insgesamt rund 10?Metern pro Tag. Ziel: Platz schaffen für ein unterirdisches Infrastrukturprojekt im dicht besiedelten Stadtteil Zhangyuan, ohne die Substanz der denkmalgeschützten Gebäude zu beschädigen.


Wie Mikado – bewegen ohne zu wackeln


Die Herausforderung war enorm: Drei Ziegel-Holzbauten mit einem Gesamtgewicht von etwa 7.500 Tonnen und einer Fläche von über 4.000 Quadratmetern mussten vollständig angehoben, stabilisiert und versetzt werden – nicht einmal ein Wackeln war erlaubt. Herkömmliche Kräne, Pressen oder Hebegerüste kamen angesichts der engen Gassen und sensiblen Bausubstanz nicht infrage. Stattdessen rückten 432 kleine, flach gebaute Roboter unter das Fundament. Koordiniert wie ein Uhrwerk, bewegten sie das Ensemble Schritt für Schritt – jeder Roboter nur für einen Bruchteil des Gewichts zuständig, aber alle miteinander synchronisiert über eine zentrale Steuereinheit. Ein falscher Impuls hätte fatale Folgen haben können.


Roboter als Denkmalschützer


Der Aufwand lohnt sich: Der Huayanli-Komplex steht inmitten eines der letzten historisch weitgehend erhaltenen Viertel Shanghais. Zhangyuan gilt als architektonisches Bindeglied zwischen Ost und West – entstanden zur Zeit der internationalen Konzessionen, geprägt durch Innenhöfe chinesischer Prägung, Fassadenelemente aus Europa und die pragmatische Verdichtung einer schnell wachsenden Metropole. Hier darf nichts weg, hier soll Zukunft unter der Oberfläche entstehen.


Zukunft unter der Vergangenheit


Während die Gebäude auf Wanderschaft gingen, begann unterirdisch der Aushub für eine dreistöckige Anlage mit über 53.000 Quadratmetern Fläche. Geplant sind Kultur- und Gewerberäume, ein Umsteigeknoten für drei U-Bahn-Linien und über 100 Parkplätze – Zukunft also nicht gegen die Vergangenheit, sondern unter ihr. Auch hier: keine Bagger, keine Monsterbohrer. Stattdessen kamen Bohrroboter mit flacher Bauhöhe zum Einsatz, die durch Türen und Gänge passten. Selbst das Abtragen des Erdreichs erfolgte über ein eigens entwickeltes Fördersystem mit Schienenhebezeugen und gebogenen Transportwegen – fabrikartig organisiert, aber auf engstem Raum.


Was Shanghai hier austestet, kann Schule machen


Das Projekt markiert nicht nur einen technischen Meilenstein, sondern auch eine neue Haltung im Umgang mit historischer Bausubstanz: Statt abreißen oder einfrieren – integrieren. Und das mit einem Maß an technologischer Raffinesse, das weit über die üblichen Spielarten städtischer Modernisierung hinausgeht. Building Information Modeling, 3D-Punktwolken, KI-basierte Bewegungssteuerung und robotergestützte Feinmechanik treffen auf Jahrhunderte alte Mauerwerke – Vergangenheit und Zukunft nicht als Gegensätze, sondern als Kooperationspartner.


Unversehrt am alten Platz

 

Wenn alles planmäßig verläuft, kehrt der Huayanli-Komplex am 7. Juni an seinen angestammten Platz zurück – unversehrt, aber umgeben von einem unsichtbaren Fundament aus modernster Infrastruktur. Was bleibt, ist mehr als ein Ingenieurscoup: ein Modellfall für urbane Entwicklung, die nicht zerstört, was sie überholen will.

 

 

Bild: Shanghai ©Claudia Seidensticker, pexels.com

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