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Bullshit-Jobs im Baugewerbe?

Vermessungsassistent auf einer Baustelle
Vermessungsassistent auf einer Baustelle

Der Begriff der „Bullshit-Jobs“ wurde maßgeblich geprägt durch das gleichnamige Buch des im Jahr 2020 verstorbenen Anthropologen David Graeber. Er beschreibt darin Tätigkeiten, die von den Ausführenden als sinnlos oder gesellschaftlich wertlos empfunden werden. Doch während Graeber primär Bürojobs im Visier hatte und deren Sinn hinterfragte, stellt sich uns natürlich die Frage, ob dieses Konzept auch auf handwerkliche und körperliche Berufe wie beispielsweise im Baugewerbe anwendbar ist. Gibt es dort tatsächlich sinnlose Arbeiten? Und wenn ja, was sind die Ursachen und Auswirkungen und wie kann man ihnen begegnen?

 

Die Prognose von John Maynard Keynes und die Realität

 

1930 prognostizierte der britische Ökonom John Maynard Keynes, dass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit aufgrund des technologischen Fortschritts bis zum Jahr 2030 auf 15 Stunden sinken würde. Heute, gut fünf Jahre vor diesem Zeitpunkt, stellt sich die Frage, warum wir trotz ständiger Weiterentwicklung in Technologie, Prozessen und Informationstechnologie noch weit von einer 15 Stundenwoche entfernt sind. David Graeber bietet folgende Erklärung an: Das Plus zu diesen 15 Stunden Wochenarbeitszeit könnte aus unsinnigen Bullshit-Tätigkeiten resultieren, die zu sogenannten Bullshit-Jobs führen.

 

Graebers Definition eines Bullshit-Jobs

 

Graebers Definition eines Bullshit-Jobs lautet: „Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.“ Diese Definition lässt sich auch auf einzelne Tätigkeiten in ansonsten sinnvollen Jobs herunterbrechen, was allerdings auch die Einstufung insgesamt schwieriger macht.

 

Wie lässt sich Graebers Definition auf das Baugewerbe anwenden?

 

In vielen Branchen, einschließlich dem Baugewerbe, gibt es viele administrative Tätigkeiten, die man getrost als überflüssig ansehen darf. Dazu gehören beispielsweise übermäßig viele Berichte, unnötige Meetings oder eine Bürokratie, die wenig zur tatsächlichen Produktivität beitragen. Zudem führen eine schlechte Planung oder eine nicht ausreichende Kommunikation manchmal dazu, dass Arbeiten doppelt ausgeführt werden müssen, was nicht nur den Aufwand erhört, sondern bei den Betroffenen auch ein hohes Maß an Frustration verursacht. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Aufsichts- und Kontrollpositionen, die oft wenig tatsächlichen Mehrwert bringen und eher als zusätzliche Belastung empfunden werden.
Ein Beispiel hierfür ist der „Fahnenwächter“, der auf Baustellen dafür zuständig ist, Warnschilder und Fahnen korrekt zu positionieren oder im Straßenbau den ganzen Tag damit verbringt, den Verkehr zu regeln. Die Sinnhaftigkeit dieser Tätigkeiten ist mehr als fragwürdig, denn ebensogut könnte man auch eine mobile Ampelanlage aufstellen, die den Verkehr regelt. Auch Vermessungsassistenten stehen oft ohne klare Aufgabenstellung den ganzen Tag auf der Baustelle, langweilen sich und spüren dabei genau, dass sie eigentlich überflüssig sind. Denn was würde passieren, wenn sie nicht mehr zur Arbeit erscheinen würden? Vermutlich wenig bis nichts. Dies unterstreicht die Sinnlosigkeit ihrer Arbeit und wirkt sich zudem negativ auf Motivation und Selbstwert aus. Überhaupt sinkt die Arbeitszufriedenheit bei länger anhaltender Demotivation und mündet schlussendlich in Frustration. Dauert dieser Zustand länger an bzw. ist kein Ende dieses Zustandes in Sicht, kann der daraus resultierende Dauerstress zu nicht unerheblichen gesundheitlichen Problemen bis hin zum Burnout führen. Sieht man von den Auswirkungen auf die Gesundheit einmal ab, so muss man zu der Erkenntnis kommen, dass sinnlose Tätigkeiten nicht zur Produktivität beitragen und wertvolle Ressourcen verschwenden. Effizient ist das nicht.

 

Keynes’ Prognose und Graebers Theorie im heutigen Kontext

 

Kommen wir nun zurück zu Keynes und Graeber. John Maynard Keynes prognostizierte also einen deutlichen Rückgang der Arbeitszeit aufgrund technologischer Fortschritte. Warum haben wir dieses Ziel nicht erreicht? Ein möglicher Grund sind die von Graeber beschriebenen Bullshit-Jobs. Graeber argumentiert, dass viele Tätigkeiten heute existieren, die keinen echten Wert haben und nur dazu dienen, Menschen zu beschäftigen, ohne einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.
 

Anfällige Branchen und Arbeitsumfelder

 

Manche Branchen und Arbeitsumfelder sind anfälliger für Bullshit-Jobs als andere. Im Baugewerbe können schlechte Organisation, ineffiziente Prozesse und übermäßige Bürokratie dazu führen, dass sinnlose Aufgaben entstehen. Umgekehrt gibt es auch Bereiche wie das Gesundheits- und Bildungswesen, die allgemein als sinnstiftend betrachtet werden, aber auch dort können ineffiziente Prozesse und mangelnde Wertschätzung zu Frustration führen. Ein möglicher Lösungsansatz zur Identifikation sinnloser „Bullshit-Tätigkeiten“ ist die Fokussierung auf sämtliche Arbeitsabläufe und der darin involvierten Personen. Sind die Arbeitsabäufe effizient? Ist die Aufgabenverteilung klar? Alleine eine Optimierung in diesen beiden Bereichen kann die Arbeitszufriedenheit steigern. Gleichzeitig spielt eine offene Kommunikation eine entscheidende Rolle. Indem die Leistungen der Mitarbeiter gewürdigt und ihre Anliegen ernst genommen werden, steigt die Zufriedenheit und Motivation im Team.

 

Ein weiterer Schlüssel zur Reduktion sinnloser Arbeit ist der Einsatz von Technologie und Digitalisierung. Durch technologische Lösungen können repetitive und unnötige Aufgaben automatisiert werden, was nicht nur Zeit spart, sondern auch die Fehlerquote minimiert. Dies ermöglicht den Mitarbeitern, sich auf anspruchsvollere und wertschöpfendere Aufgaben zu konzentrieren. Das steigert Zufriedenheit und minimiert Frustration. Hier stehen die Arbeitgeber in der Verantwortung, durch eine gute Organisation, eine klare Kommunikation und Reduzierung von Bürokratie. Damit die Aufgaben, welche die Mitarbeitenden zu erledigen haben, als effizient und sinnvoll empfunden werden.

 

Die besondere Rolle der „Generation Z“

 

Die Generation Z, geboren zwischen 1997 und 2012, bringt frischen Wind in die Arbeitswelt und prägt damit auch das Baugewerbe auf ihre ganz eigene Art und Weise. Aufgewachsen in der digitalen Ära, legt sie großen Wert auf sinnvolle Aufgaben, Flexibilität und technologische Integration sowie Wertschätzung und Feedback. Besonders anziehend findet sie Projekte mit klarem gesellschaftlichen Nutzen, wie nachhaltiges Bauen. Flexible Arbeitsmodelle und moderne Methoden machen die Branche für sie umso spannender.

 

Generation Z hat wenig Geduld für Tätigkeiten, die sie als sinnlos empfindet. Deshalb ist es für Arbeitgeber wichtig, deutlich zu machen, wie jede Aufgabe zum großen Ganzen beiträgt. Wenn sie in Entscheidungsprozesse einbezogen wird und durch Mentoring-Programme Unterstützung erfährt, fühlt sie sich stärker mit dem Unternehmen verbunden.

 

Insgesamt bringt die Generation Z eine neue Dynamik ins Baugewerbe. Ihre hohen Erwartungen an sinnvolle Arbeit, Flexibilität und digitale Lösungen stellen zwar Herausforderungen dar, bieten aber auch die Chance, die Branche attraktiver und zukunftsfähiger zu gestalten.

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