Asphaltrecycling: Vom Pilotprojekt zum Baustellenstandard ART2026 in Aachen zeigt, wo die Branche wirklich steht
Der Straßenbau steht unter Druck – und zwar von mehreren Seiten gleichzeitig: Rohstoffe werden teurer, Deponiekapazitäten knapper, Klimaziele verbindlicher. Asphaltrecycling entwickelt sich vor diesem Hintergrund vom „Kann man machen“ zum „Muss man machen“.
Wie weit dieser Wandel tatsächlich ist, zeigt die International Conference on Asphalt Recycling Technologies (ART2026) in Aachen. Veranstaltet von der RWTH Aachen University, bringt die Konferenz Forschung, Bauindustrie und öffentliche Auftraggeber zusammen – mit einem klaren Fokus: nicht mehr Theorie, sondern Umsetzung.
Der eigentliche Wendepunkt: Anwendung statt Versuchsanordnung
In den vergangenen Jahren lag der Schwerpunkt vieler Fachveranstaltungen auf neuen Verfahren und Materialentwicklungen. ART2026 verschiebt diesen Fokus spürbar.
Im Zentrum stehen reale Bauprojekte, belastbare Erfahrungen und die Frage, wie sich Recyclingverfahren unter Alltagsbedingungen bewähren. Das ist mehr als ein Detail – es markiert den Übergang von der Entwicklungsphase in den Regelbetrieb.
Zahlen, die den Druck erklären
Der Bedarf ist enorm: In Deutschland fallen jährlich rund 60 Millionen Tonnen Ausbauasphalt an. Gleichzeitig liegt die Wiederverwertungsquote laut Branchenangaben bereits bei über 80 bis 90 % – allerdings oft in minderwertigeren Anwendungen oder mit begrenztem Einsatz in hochwertigen Schichten. Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht im „Ob“, sondern im „Wie viel“ und „Wo genau“.
Auch wirtschaftlich ist das Thema relevant:
• Bitumen, der zentrale Bindemittelbestandteil, ist stark preisabhängig von Erdöl
• steigende Energiepreise treiben die Kosten für die Asphaltproduktion zusätzlich
• Recycling kann je nach Verfahren Materialkosten um 10 bis 30 % senken
• gleichzeitig sinken Transport- und Entsorgungskosten deutlich
Kurz gesagt: Recycling ist längst nicht mehr nur ökologisch sinnvoll – sondern betriebswirtschaftlich zunehmend alternativlos.
Heißrecycling: Mehr Material, weniger Spielraum für Fehler
Ein Schwerpunkt der Konferenz liegt auf dem Heißrecycling, bei dem Ausbauasphalt wieder in neue Mischungen integriert wird.
Die zentrale Stellschraube: der Anteil an RAP (Reclaimed Asphalt Pavement). Je höher dieser Anteil, desto größer die Einsparung – aber auch das Risiko. Denn: Mit steigenden Recyclingquoten verändern sich die Materialeigenschaften. Das betrifft insbesondere die Alterung des Bitumens und damit die Dauerhaftigkeit der Straße.
Deshalb geht es bei ART2026 weniger um die Frage, ob hohe Recyclinganteile möglich sind – sondern unter welchen Bedingungen sie technisch zuverlässig funktionieren. Parallel dazu gewinnen temperaturabgesenkte Asphaltverfahren an Bedeutung. Sie senken Energieverbrauch und Emissionen, erhöhen aber gleichzeitig die Anforderungen an Prozesskontrolle und Mischgutqualität.
Kaltrecycling: Effizienz im Bestand
Während das Heißrecycling vor allem in der Asphaltproduktion greift, spielt Kaltrecycling seine Stärken direkt auf der Baustelle aus. Hier wird vorhandenes Material vor Ort aufbereitet und wieder eingebaut – oft ohne energieintensive Erhitzung. Das spart Ressourcen, reduziert Transportwege und beschleunigt Bauprozesse.
Gerade im Bestand – also bei Sanierungen – gewinnt dieses Verfahren an Bedeutung. Allerdings stellt es andere Anforderungen an Planung, Prüfung und Ausführung.
Die Diskussion auf der ART2026 zeigt deutlich: Kaltrecycling wird nicht mehr als „Sonderlösung“ betrachtet, sondern zunehmend als integraler Bestandteil moderner Baukonzepte.
Ohne Auftraggeber geht gar nichts
Ein Punkt zieht sich durch alle Beiträge: Technologie allein reicht nicht. Die entscheidende Rolle spielen öffentliche Auftraggeber und Vergabeverfahren. Denn sie definieren, was überhaupt gebaut werden darf.
Wenn Ausschreibungen weiterhin konservative Materialvorgaben enthalten, bleiben selbst ausgereifte Recyclingverfahren außen vor. Erst wenn Regularien angepasst werden, kann sich Recycling flächendeckend durchsetzen.
Die stärkere Einbindung öffentlicher Akteure auf der ART2026 ist deshalb kein Zufall, sondern zwingend notwendig.
Nachhaltigkeit ist kein Materialthema mehr Die Entwicklung im Asphaltrecycling zeigt ein grundlegendes Problem: Nachhaltigkeit lässt sich nicht isoliert über Materialien lösen.
Es geht um ein Zusammenspiel aus:
• technischen Verfahren
• Baupraxis
• Normen und Regelwerken
• wirtschaftlichen Rahmenbedingungen
Solange diese Ebenen nicht zusammenpassen, bleibt Recycling Stückwerk.
Kein Erkenntnisproblem – ein Umsetzungsproblem
Asphaltrecycling ist technisch längst möglich – die Frage ist, ob das System dahinter mithält. Die ART2026 macht deutlich: Der Engpass liegt nicht mehr in der Innovation, sondern in der Umsetzung. Verfahren existieren, Erfahrungen auch. Was fehlt, ist die konsequente Integration in Planung, Ausschreibung und Baupraxis.Oder anders gesagt: Die Branche weiß inzwischen, wie es geht. Jetzt muss sie anfangen, es überall zu tun.
Bild: KI
Redaktion
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